Handelsergebnis und Qualität des Entscheidungsprozesses — Entscheidungen unabhängig vom Ergebnis beurteilen

Ein plangemäßer Trade kann mit Verlust enden, während ein Einstieg ohne Prüfung der Bedingungen Gewinn bringen kann. In den illustrativen Beispielen dieses Artikels dreht EUR/USD fünf Pips vor dem Kursziel, während eine andere Position, die regelwidrig fünf Minuten vor einer Datenveröffentlichung eröffnet wurde, 300 USD verdient. Ändern wir nach dem ersten Trade den Plan und billigen den zweiten, beurteilen wir Entscheidungen ausschließlich nach ihrem Ergebnis. Wir zeigen, wie sich Ausführungskonformität und finanzielles Ergebnis trennen lassen, wie der Prozess anhand vorher festgelegter Kriterien bewertet wird und wann die Beurteilung der Regeln eine wesentlich längere Beobachtungsreihe erfordert.

Vier Kombinationen aus Prozess und Ergebnis — am teuersten ist der Gewinn, der entgegen den eigenen Regeln entsteht.
Das Wichtigste in 60 Sekunden
  • Ergebnisverzerrung bezeichnet die veränderte Bewertung einer Entscheidung, sobald ihr Ergebnis bekannt ist — dieselbe Entscheidung, dieselben zum Entscheidungszeitpunkt verfügbaren Informationen, aber eine bessere Bewertung, wenn sie zufällig gut ausging (Baron und Hershey, 1988)
  • Der Rückschaufehler verfälscht den Rückblick auf die eigene Historie — ist der Ausgang bekannt, erscheint die Bewegung vorhersehbar, und die Erinnerung ersetzt die damalige Unsicherheit durch eine Überzeugung, die vor der Entscheidung nicht bestand (Fischhoff, 1975)
  • Am gefährlichsten ist ein Gewinn entgegen den eigenen Regeln — die Belohnung kommt sofort, die Kosten treten verzögert und verteilt auf, sodass sich das Verhalten wiederholen kann
  • Eine Aufzeichnung vor der Order begrenzt die nachträgliche Rekonstruktion — Einstiegsbedingung, Überzeugungsgrad und Ausstiegsniveau, mit einem Zeitstempel vor der Positionseröffnung
  • Ein Prozesskriterium muss ohne Kenntnis des Ergebnisses entscheidbar sein — fünf Fragen zur Regeleinhaltung, jeweils mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten
  • Ausführung und Regeln werden in zwei getrennten Schleifen beurteilt — die erste läuft wöchentlich anhand von etwa einem Dutzend Entscheidungen; die zweite benötigt Hunderte Trades und gehört zu Abschnitt 8

1. Zwei Trades, vier mögliche Urteile

Beginnen wir mit dem ersten Trade. Sie eröffnen eine Long-Position in EUR/USD bei 1,0820 nach einem Abprall an einer Nachfragezone, entsprechend der Beschreibung in Ihrem Katalog der Setups. Stop-Loss bei 1,0780, Kursziel bei 1,0900 — beides vor dem Klick platziert, das Risiko auf dem zuvor im Plan festgelegten Niveau. Der Kurs steigt, erreicht 1,0895 und dreht. Fünf Pips vor dem Ziel. Er kehrt auf 1,0780 zurück, und Ihre Position wird ausgestoppt.

War das eine schlechte Entscheidung?

Nein. Die Entscheidung entsprach einer vor dem Einstieg geltenden Bedingung; das Risiko war wie zuvor geplant begrenzt. Dass der Kurs das Ziel um fünf Pips verfehlte, ändert nichts an den Informationen, die Ihnen beim Klick vorlagen. Es ändert nur das Ergebnis — und das Ergebnis eines einzelnen Trades ist eine Ziehung aus einer Verteilung, kein Urteil über die Richtigkeit der Wahl.

Der zweite Trade derselben Woche. Illustratives Beispiel: Freitag um 14:25 Uhr Plattformzeit, fünf Minuten vor einer für 14:30 Uhr angesetzten Arbeitsmarktveröffentlichung. Sie prüfen den Kalender nicht. Sie gehen aufgrund eines Kerzenmusters im Fünfzehn-Minuten-Chart in GBP/USD long, ohne Schutzorder und mit einer größeren Position, als Ihr Plan erlaubt. Die Daten fallen schwach für den Dollar aus, das Pfund steigt um sechzig Pips, und Sie schließen mit dreihundert Dollar Gewinn.

War das eine gute Entscheidung?

Ebenfalls nein. Die Einstiegsbedingung wurde nie geprüft, die Positionsgröße folgte keiner Regel, und eine Position ohne Schutzorder hat kein definiertes Risiko — Sie können den möglichen Verlust nicht beziffern, weil kein Niveau festgelegt war, an dem Sie aussteigen würden. Wären die Daten anders ausgefallen, hätte allein der Zeitpunkt Ihrer manuellen Reaktion den Verlust begrenzt. Der Gewinn beweist hier nur, dass die Verteilung zwei Seiten hat und Sie diesmal auf der günstigen gelandet sind.

Matrix aus Prozessqualität und Handelsergebnis Vier Rechtecke in zwei Spalten und zwei Zeilen. Die Spalten beschreiben das Ergebnis: links Gewinn, rechts Verlust. Die Zeilen beschreiben den Prozess: oben plangemäß, unten nicht plangemäß. Quadrant eins oben links auf grünem Hintergrund zeigt einen regelkonformen Prozess mit positivem Ergebnis; das Prozessurteil ist positiv und wird vom Ergebnis nicht verändert. Quadrant zwei oben rechts auf gelbem Hintergrund zeigt einen regelkonformen Prozess mit negativem Ergebnis; das Urteil bleibt positiv, beschrieben als der am häufigsten zu Unrecht bestrafte Fall. Quadrant drei unten links auf hellrotem Hintergrund zeigt einen regelwidrigen Prozess mit positivem Ergebnis; das Urteil ist negativ, beschrieben als der am schwersten erkennbare Fall. Quadrant vier unten rechts auf dunklerem Rot zeigt einen regelwidrigen Prozess mit negativem Ergebnis; das Urteil ist negativ, als einziger Fall allein verständlich. Unter der Matrix steht auf einem grauen Balken, dass das in den Zeilen festgehaltene Prozessurteil ohne Kenntnis der Spalte gebildet wird. ERGEBNIS Gewinn (+) Verlust (−) PROZESS Eingehalten Verletzt QUADRANT 1 Regelkonformer Prozess, positives Ergebnis Prozessurteil: positiv Das Ergebnis ändert es nicht QUADRANT 2 Regelkonformer Prozess, negatives Ergebnis Prozessurteil: positiv Ein Verlust belegt keinen Regelverstoß QUADRANT 3 Regelwidriger Prozess, positives Ergebnis Prozessurteil: negativ Gewinn rechtfertigt keinen Verstoß QUADRANT 4 Regelwidriger Prozess, negatives Ergebnis Prozessurteil: negativ Ein Verlust allein zeigt den Prozess nicht Das Prozessurteil (Zeilen) wird ohne Kenntnis der Spalte gebildet.
Vier Kombinationen aus Prozessqualität und Ergebnis. Die Spalte „Ergebnis“ geht nicht in das Urteil über die Zeile ein — Prozesskriterien müssen auch bei noch unbekanntem Ergebnis prüfbar sein.
QuadrantIllustratives BeispielUrteil und Begründung
1. Regelkonformer Prozess, positives ErgebnisEinstiegsbedingung vor dem Klick erfüllt und dokumentiert, Ausstiegsniveaus platziert, Ziel ohne Eingriffe in die Position erreichtPositiv. Das Ergebnis verbessert das Urteil nicht — es wäre identisch, wenn der Kurs fünf Pips vor dem Ziel gedreht hätte
2. Regelkonformer Prozess, negatives ErgebnisDerselbe Trade, nur dreht der Kurs vor dem Ziel und die Position wird am Stop geschlossenPositiv, unverändert. In diesem Quadranten fällt am häufigsten die Entscheidung, die Regeln zu ändern — gewöhnlich ohne Grundlage, denn eine einzelne Beobachtung sagt nichts über sie aus
3. Regelwidriger Prozess, positives ErgebnisEinstieg ohne Kalenderprüfung, Position größer als geplant, keine Schutzorder — Gewinn nach der DatenveröffentlichungNegativ. Das Ergebnis kann eine Wiederholung des Verstoßes begünstigen, aber Gewinn belegt keine Sicherheit; die fehlende Bedingung und Absicherung bleiben in der Aufzeichnung sichtbar
4. Regelwidriger Prozess, negatives ErgebnisEinstieg nach der Bewegung, ohne Katalogbedingung und mit einem während der offenen Position verschobenen StopNegativ. Der einzige Quadrant, in dem beide Urteile übereinstimmen — und gerade deshalb der am wenigsten lehrreiche

Die beiden Trades liegen in den Quadranten 2 und 3 dieser Matrix. Quadrant 4 erkennt man mühelos: Sie haben eine Regel verletzt und dafür bezahlt, die Schlussfolgerung liegt auf der Hand. Auch Quadrant 1 bereitet keine Schwierigkeiten. Problematisch sind die anderen beiden — dort widerspricht das Urteil des Ergebnisses dem des Prozesses. Das Ergebnis ist sofort sichtbar; der Prozess musste dagegen zuvor beschrieben werden, damit Sie auf ihn zurückgreifen können.

Quadrant 3 verdient bei der Nachbesprechung besondere Aufmerksamkeit: Ein Regelverstoß geht mit Gewinn einher. Das Ergebnis kann die Abweichung verdecken und zur Wiederholung anregen, aber das Beispiel belegt nicht, dass dies bei einem bestimmten Trader geschieht. Der Gewinn ist sofort sichtbar; die Folgen einer ausgelassenen Schutzorder lassen sich aus diesem einen Trade nicht beurteilen. Wiederholt sich das Verhalten, prüfen Sie seine Voraussetzungen und die Ausführung, statt Nachlässigkeit oder einen bestimmten Lernmechanismus zu unterstellen. Das günstige Ergebnis ist real; es belegt nicht die Qualität des Prozesses.

Prozesskonformität ist nicht dasselbe wie ein Vorteil. Ein Trader kann einen vorbildlichen Prozess mit Regeln ohne Vorteil ausführen — der Prozessbewertungsbogen ist dann voller Bestnoten, während das Konto schrumpft. Regeleinhaltung ist eine notwendige Bedingung für die ehrliche Beurteilung der Regeln, keine hinreichende Bedingung für ihre Rentabilität. Ob die Regeln selbst sinnvoll sind, behandelt Artikel 8.2; bessere Ausführungsdisziplin kann diese Antwort nicht ersetzen.

Auch die entgegengesetzte Überkorrektur ist teuer. Der Satz „Das Ergebnis spielt keine Rolle“ ist falsch: Das Ergebnis enthält Informationen, nur über etwas anderes, als es den Anschein hat, und es erfordert eine andere Anzahl von Beobachtungen. Darauf kommen wir in Abschnitt 8 zurück, wo ich eine Situation zeige, in der das Ergebnis viel über den Prozess aussagt.

2. Ergebnisverzerrung — eine Entscheidung nach ihrem Ergebnis beurteilen

Das Phänomen hat einen Namen und eine Studie. Ergebnisverzerrung bezeichnet die veränderte Beurteilung der Entscheidungsqualität unter dem Einfluss von Ergebnisinformationen, während die zum Entscheidungszeitpunkt verfügbaren Informationen konstant bleiben. Es geht nicht darum, dass wir im Nachhinein mehr wissen — sondern darum, dass dieselbe, identisch beschriebene Entscheidung allein deshalb anders bewertet wird, weil man ihr einen anderen Ausgang hinzugefügt hat.

Studiensteckbrief. Jonathan Baron und John Hershey, „Outcome bias in decision evaluation“, Journal of Personality and Social Psychology, 1988, 54(4), 569–579[1]. Eine Reihe von Experimenten, in denen Teilnehmende die Qualität von Entscheidungen in kurzen Szenarien bewerteten — medizinische Fälle (Einwilligung in eine Operation mit bekanntem Risiko) und Glücksspiele (eine Wette mit bekannter Auszahlungsverteilung). Manipuliert wurde nur der Ausgang: Entscheidungsbeschreibung, verfügbare Informationen und Wahrscheinlichkeiten blieben gleich. Teilnehmende waren Studierende in den Vereinigten Staaten; medizinische Szenarien und Wetten waren hypothetisch. An der ersten Studie nahmen 20 Studierende der University of Pennsylvania teil, die für ihre Zeit bezahlt wurden. Befund: Dieselbe Entscheidung wurde besser bewertet, wenn sie zufällig gut ausging — auch von Bewertenden, die ausdrücklich erklärt hatten, dass das Ergebnis die Bewertung nicht beeinflussen sollte. Grenzen: ein Laborexperiment mit beschriebenen Szenarien, keine Untersuchung von Tradern; übertragen wird der Bewertungsmechanismus, nicht die Effektgröße oder ihr Ausmaß am Markt — [EXTRAPOLATION].

Es lohnt sich festzuhalten, was diese Definition nicht umfasst, denn Trading-Texte fassen unter demselben Namen drei verschiedene Dinge zusammen.

Das ist keine Schlussfolgerung aus einer kleinen Stichprobe. Regeln nach drei statt zweihundert Trades zu beurteilen, ist ein Problem der statistischen Teststärke, das Amos Tversky und Daniel Kahneman 1971 als Gesetz der kleinen Zahlen beschrieben[4] — dort waren die Befragten professionelle Forschende und überschätzten trotzdem systematisch die Reproduzierbarkeit von Ergebnissen aus kleinen Stichproben. Den Mechanismus behandelt Artikel 10.1. Beide Fehler können gleichzeitig auftreten und tun dies gewöhnlich auch, aber die Gegenmaßnahmen unterscheiden sich: Bei einer kleinen Stichprobe hilft es, mit Schlussfolgerungen zu warten; gegen Ergebnisverzerrung hilft Warten überhaupt nicht.

Das ist keine rationale Aktualisierung einer Überzeugung. Erfahren Sie nach einem Trade etwas, das vorher nicht bekannt sein konnte — dass sich das Instrument zu dieser Tageszeit anders verhält oder Ihre Einstiegsbedingung mehrdeutig definiert war —, ist die Aktualisierung richtig. Das Kriterium ist einfach: Betrifft die neue Information die Regel oder nur das Ergebnis?

Das ist kein Rezenzeffekt. Die Übergewichtung jüngster Beobachtungen, der Rezenzeffekt, betrifft die Auswahl der berücksichtigten Daten. Ergebnisverzerrung betrifft das Kriterium ihrer Beurteilung. Den Katalog der kognitiven Verzerrungen selbst enthält Artikel 10.3.

In der Praxisliteratur heißt derselbe Fehler mitunter Resulting — ein Begriff, den Annie Duke bekannt machte, Pokerspielerin und Autorin eines Buchs über Entscheidungen unter Unsicherheit[7]. Der Name ist praktisch und hat sich verbreitet, aber sein Status muss deutlich sein: Es ist ein Konzept aus einem Ratgeber, kein Studienbefund. Die Popularität des Begriffs beweist nichts — der Beleg ist die Arbeit von Baron und Hershey, nicht die Zahl der Menschen, die ein Schlagwort wiederholen.

3. Rückschaufehler — warum der gestrige Chart ein schlechter Lehrer ist

Die Ergebnisverzerrung hat einen jüngeren Bruder, der das Lernen aus der Historie noch wirksamer beeinträchtigt. Der Rückschaufehler ist die systematische Überschätzung der Vorhersehbarkeit eines Ergebnisses, sobald es bekannt ist — einschließlich der falschen Erinnerung, es schon vorher vorausgesagt zu haben.

Studiensteckbrief. Baruch Fischhoff, „Hindsight ≠ foresight: The effect of outcome knowledge on judgment under uncertainty“, Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 1975, 1(3), 288–299[2]. Den Teilnehmenden, Studierenden, wurden Beschreibungen historischer Ereignisse und klinischer Fälle mit ungewissem Ausgang vorgelegt. Sie sollten die Wahrscheinlichkeiten mehrerer möglicher Ausgänge schätzen. Einem Teil wurde vorher mitgeteilt, wie der Fall ausgegangen war. Befund: Die über den Ausgang informierten Gruppen schrieben ihm eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit zu — selbst dann, wenn sie so urteilen sollten, als wäre er ihnen nicht bekannt. Stand der Forschung: Der Effekt wurde vielfach repliziert; eine Metaanalyse von Guilbault und Kollegen aus dem Jahr 2004 umfasste mehr als neunzig Studien und bestätigte ihn, wies aber darauf hin, dass die durchschnittliche Effektgröße klein ist und von der Messmethode abhängt[3]. Grenzen: Labor, beschreibende Aufgaben, kein finanzieller Einsatz — die [EXTRAPOLATION] auf das Trading betrifft den Mechanismus, nicht das Ausmaß.

Im Trading ist die Erscheinungsform banal und deshalb gefährlich. Sie öffnen den Chart der vergangenen Woche. Sie sehen Ausbruch, Rücklauf und Fortsetzung. Alles passt, jedes Niveau liegt genau dort, wo es sein sollte. Das Problem ist: Sie betrachten einen Chart, dessen rechter Rand nicht mehr existiert. Am Donnerstag um 11:40 Uhr endete derselbe Chart mitten in einer Kerze. Daneben standen zwei andere Szenarien; die Einstiegsbedingung war erfüllt oder nicht. Was davon damals sichtbar war, lässt sich im Nachhinein nicht aus dem Gedächtnis rekonstruieren, weil der Ausgang die Erinnerung überschrieben hat.

Derselbe Chart, zwei Lesarten. Donnerstag, 11:38 Uhr. Der Kurs testet die Zone zum zweiten Mal innerhalb von zwei Stunden, im höheren Zeitrahmen besteht weiterhin ein Abwärtstrend, und eine Datenveröffentlichung mittlerer Bedeutung steht in vierzig Minuten an. Mindestens drei Szenarien sind möglich: Abprall an der Zone, Durchbruch mit Fortsetzung oder Konsolidierung bis zur Veröffentlichung. Die Katalogbedingung ist für das erste erfüllt. Freitag, 18:00 Uhr, dieselbe Kerze — jetzt mitten im Chart. Sie erkennen, dass die Zone hielt und die Bewegung über das angenommene Ziel hinausging. Die zweite Lesart ist wahr, für die Beurteilung der Entscheidung aber nutzlos: Sie sagt nichts darüber aus, was um 11:38 Uhr sichtbar war, sondern nur, was daraus entstand. Am Freitag ist eine andere Frage sinnvoll — ob die Katalogbedingung am Donnerstag tatsächlich erfüllt war. Die Antwort steht nicht im Chart. Sie steht in der Aufzeichnung vor der Entscheidung, oder es gibt sie überhaupt nicht.

Daher stammt der Satz, der bei der wöchentlichen Nachbesprechung am häufigsten fällt: „Das war doch offensichtlich.“ Das war es nicht. Es war eines von mehreren damals vergleichbar erscheinenden Szenarien; offensichtlich wurde es erst, als die rechte Chartseite eingezeichnet war.

Der Rückschaufehler darf nicht mit gewöhnlichem, später erworbenem Wissen verwechselt werden. Bemerken Sie nach zweihundert Trades, dass sich Ihre Einstiegsbedingung in der ersten Sitzungsstunde anders verhält, ist das eine Schlussfolgerung aus Daten, keine Illusion — sofern Sie nicht behaupten, dies schon vor der Datenerhebung gewusst zu haben. Genau dort verläuft die Grenze: zwischen „Jetzt weiß ich es“ und „Ich wusste es“.

Eine praktische Absicherung besteht darin, Informationen und Bedingung vor Bekanntwerden des Ergebnisses festzuhalten. Das garantiert keine Unvoreingenommenheit, schafft aber einen Bezugspunkt unabhängig von späteren Erinnerungen. Vergleichen Sie ihn mit der Ausführungshistorie, statt allein auf Ihr Gedächtnis oder das Versprechen zu vertrauen, bei der nächsten Nachbesprechung ehrlicher zu sein.

4. Selbstwertdienliche Attribution — der Gewinn gehört mir, der Verlust dem Markt

Der dritte Mechanismus verzerrt nicht die Beurteilung einer einzelnen Entscheidung, sondern die Bilanz einer ganzen Reihe. Selbstwertdienliche Attribution bezeichnet eine Asymmetrie bei der Ursachenzuschreibung: Erfolge werden durch innere Faktoren erklärt — Können, Vorbereitung, Gespür —, Misserfolge durch äußere — Markt, Broker, Nachrichten oder Pech.

Studiensteckbrief. Amy Mezulis, Lyn Abramson, Janet Hyde und Benjamin Hankin, „Is there a universal positivity bias in attributions?“, Psychological Bulletin, 2004, 130(5), 711–747[5]. Eine Metaanalyse von 266 Studien zur asymmetrischen Ursachenzuschreibung. Befund: Die durchschnittliche Asymmetrie ist groß (d ≈ 0,96), variiert aber stark zwischen Altersgruppen, Kulturen und Aufgabenarten — sie ist somit eine Regelmäßigkeit auf Gruppenebene, keine Konstante, die jeden Einzelnen beschreibt. Vorbehalt: Dale Miller und Michael Ross zeigten bereits 1975 in einem Überblick, dass ein Teil dieser Asymmetrie durch die Informationsverarbeitung statt durch die Verteidigung des Selbstbilds erklärt werden kann[6]. Der Streit über den Mechanismus ist nicht entschieden; das Muster selbst ist gut dokumentiert. Untersuchte Populationen: überwiegend außerhalb des Tradings — [EXTRAPOLATION].

Die Konsequenz für Trader ist rechnerisch, nicht moralisch. Werden Gewinne dem Konto „Können“ und Verluste dem Konto „Umstände“ zugerechnet, verzerrt sich nach einigen Dutzend Trades das Bild des eigenen Prozesses in eine Richtung, unabhängig davon, wie der Prozess tatsächlich aussah. Damit wächst die Lücke zwischen behaupteter und tatsächlicher Treffergenauigkeit — das, was Artikel 10.3 als schlechte Kalibrierung beschreibt, im Unterschied zu bloßem übermäßigem Selbstvertrauen.

Vorsicht auch vor der Kehrseite: Der Satz „Nimm jeden Verlust auf dich“ ist keine Gegenmaßnahme, sondern nur eine Umkehrung des Fehlers. Manche Verluste entstehen tatsächlich durch Umstände außerhalb Ihres Einflusses; sie sich selbst zuzuschreiben, verzerrt die Bilanz ebenso stark. Die Gegenmaßnahme ist nicht Härte gegen sich selbst, sondern ein Kriterium, das vor dem zu beurteilenden Ereignis festgelegt wurde.

5. Die Aufzeichnung vor der Entscheidung — ein Bezugspunkt für die Bewertung

Die beschriebenen Mechanismen können die Bewertung beeinflussen, sobald das Ergebnis bekannt ist. Deshalb sollte ein Teil des Journals vor der Order geschrieben werden: Er bewahrt die bei der Entscheidung verfügbaren Informationen. Ein Eintrag nach dem Schließen ist ebenfalls nötig, kann den vorherigen Plan aber nicht ersetzen. Die Trennung dieser Aufzeichnungen hilft, die Ausführung zu bewerten, ohne ausschließlich auf eine spätere Rekonstruktion angewiesen zu sein.

Eine Entscheidungsaufzeichnung hat drei Zeitschichten: was vor dem Klick entstand, was während der offenen Position notiert wurde und was nach Bekanntwerden des Ergebnisses hinzukam. Den vollständigen Aufbau eines nach dieser Trennung geführten Journals — alle Felder, Verstoßcodes und das Nachbesprechungsprotokoll — beschreibt Artikel 10.8; hier benötigen wir daraus nur eines.

Die erste Schicht liegt vor dem Ergebnis und sollte deshalb ohne nachträgliche Änderung erhalten bleiben. Halten Sie neue Informationen oder einen geänderten Plan separat fest, mit Zeit und Begründung. Werden dieselben Informationen erst nach dem Schließen rekonstruiert, können sie bereits Gewissheit oder eine an den Ausgang angepasste Begründung enthalten. Das muss keine bewusste Fälschung sein; Erinnerungen sind anfällig für Rekonstruktion. Die frühere Aufzeichnung macht Abweichungen erkennbar, beseitigt aber nicht jede Quelle von Beurteilungsfehlern.

Verfahren: die minimale Aufzeichnung vor der Entscheidung. Auslöser: die Absicht, eine Order aufzugeben. Handlung: drei Felder — Einstiegsbedingung, Überzeugungsgrad auf einer Skala von 1–10, Ausstiegsniveau — vor dem Klick an einem beliebigen Ort mit automatischem Zeitstempel festhalten. Abschlusskriterium: Der Eintrag existiert und sein Zeitstempel liegt vor der Positionseröffnung; danach wird er abgeschlossen und kann nicht mehr bearbeitet werden. Prüfung: Vergleichen Sie wöchentlich die Anzahl der Einträge mit der Anzahl der Positionen in der Kontohistorie. Woran Sie erkennen, dass es nicht funktioniert: Sinkt nach vier Wochen der Anteil der Trades ohne Eintrag nicht, liegt das Problem nicht im Inhalt des Formulars, sondern darin, wann und wo es ausgefüllt wird. Was dann zu tun ist — und warum gerade dann ein noch kürzeres Formular nicht hilft — klärt das Verfahren zur Eintragsprüfung in Artikel 10.8.

Ein eigener Hinweis zu Skalen: Der Überzeugungsgrad dient zum Vergleich der eigenen Einträge untereinander, nicht zur Messung irgendeiner Größe. Die Grenzen von Selbstauskunftsskalen und ihre scheinbare Präzision behandelt Artikel 10.8.

6. Der Prozessbewertungsbogen — Kriterien, die ohne Ergebniskenntnis prüfbar sind

Um die Beurteilung eines Prozesses anhand seines Ergebnisses zu begrenzen, definieren Sie Kriterien, die ein Prüfer ohne Kenntnis von Gewinn oder Verlust bewerten kann. Erfordert eine Antwort die Ergebnisspalte, betrifft das Kriterium auch das Ergebnis. Das ist ein nützlicher Test für einen Konformitätsbogen; er garantiert keine völlige Unvoreingenommenheit und ersetzt keine gesonderte Regelbewertung.

Fünf Fragen, die diesen Test bestehen:

  1. War die Einstiegsbedingung vor dem Einstieg erfüllt — gemäß Katalogbeschreibung, nicht gemäß einer nachträglich angefügten Begründung?
  2. Folgte die Positionsgröße einer Regel, die bereits vor der Sitzung galt? Die Regel selbst und ihr Niveau stammen aus Abschnitt 9 — hier prüfen Sie nur ihre Anwendung.
  3. Waren die Ausstiegsniveaus vor dem Einstieg platziert, und entsprachen spätere Änderungen dem Plan?
  4. Fiel die Entscheidung in ein Zeitfenster, in dem Sie nach Ihrem eigenen Plan handeln dürfen?
  5. Waren die Voraussetzungen vor dem Klick dokumentiert?

Jede dieser Fragen lässt sich mit „ja“ oder „nein“ beantworten und anhand der Orderhistorie sowie der ersten Aufzeichnungsschicht prüfen. Keine erfordert Ergebniskenntnis. Darin unterscheidet sich ein Prozessbewertungsbogen von der subjektiven Note „Dieser Trade war ganz gut“.

Was Ihnen diese Bewertung nicht sagt. Erstens: Sie stammt von derselben Person, die entschieden hat — es sind Selbstauskunftsdaten, keine externe Messung. Zweitens: Ein fehlender Verstoßeintrag bedeutet nicht, dass kein Verstoß stattfand, sondern dass er nicht dokumentiert wurde. Häufig fehlen gerade jene Einträge, die am nützlichsten gewesen wären. Drittens: Hohe Konformität bedeutet keine guten Ergebnisse und darf nicht so dargestellt werden; sie sagt nur, dass die Regeln ausgeführt wurden und deshalb ehrlich beurteilt werden können. Viertens: Die Reihenfolge zählt. Ein nach Einsicht in das Ergebnis ausgefüllter Bogen ist als schwächere Datenbasis anzusehen als derselbe zuvor ausgefüllte Bogen; das sollte im Journal vermerkt werden.

Eine weitere Prozessbewertung sieht sinnvoll aus, ist aber eine Falle. Es liegt nahe, fünfzig Trades in regelkonforme und regelwidrige aufzuteilen, die Ergebnisse beider Gruppen zu vergleichen und den Unterschied als Beweis für das Funktionieren des Prozesses zu behandeln. Ein solcher Vergleich beschreibt einen Zusammenhang zwischen Konformität und Ergebnis, beweist aber keine Prozesswirkung. Waren die Konformitätskriterien vorher festgelegt, ist das nicht zwangsläufig Ergebnisverzerrung; es erfordert jedoch Aufmerksamkeit für Gruppenunterschiede und vorsichtige Schlussfolgerungen.

Regelverstöße können mit Verlustserien, dem Sitzungsende, größeren Positionen oder bestimmten Marktbedingungen zusammenfallen. Regelkonforme und regelwidrige Gruppen können sich daher bereits bei ihrer Bildung unterscheiden. Auch die Richtung muss geprüft werden: Frühere Verluste können spätere Handlungen beeinflussen, Verstöße spätere Ergebnisse, und beides kann gemeinsame Ursachen haben. Fünfzig Beobachtungen in zwei Gruppen aufzuteilen, kann diese Möglichkeiten allein nicht unterscheiden. Verwenden Sie zuvor definierte Kriterien und berücksichtigen Sie unterschiedliche Bedingungen.

Die Prozesskennzahl ohne Rückgriff auf das Ergebnis ist schlicht die Häufigkeit der Regelverstöße und ihre zeitliche Verteilung: Wie viele von zehn Entscheidungen erhielten fünfmal „ja“, wie verändert sich diese Zahl von Woche zu Woche, nach welchen Ereignissen sinkt sie? Diese Fragen lassen sich ohne Einsicht in das Ergebnis beantworten. Den Journalaufbau, die Verstoßcodes und das Nachbesprechungsprotokoll beschreibt Artikel 10.8; die Gestaltung von Verfahren, die diese Verstöße begrenzen sollen, behandelt Artikel 10.7.

Fünf beobachtbare Prozesskriterien mit den Antworten ja, nein oder fehlende Daten; das finanzielle Ergebnis wird separat erfasst.
Ein illustrativer Bewertungsbogen zu den Kriterien des Artikels. Er prüft die Ausführung anhand des vorherigen Plans; er benotet weder Emotionen noch beweist er einen Vorteil der Regel.

7. Wie viele Beobachtungen nötig sind, bevor das Ergebnis etwas aussagt

Da das Ergebnis Informationen enthält, bleibt die Frage, wie viele davon benötigt werden. Die Antwort ist unbequem; man sollte sie ausgerechnet sehen, statt sie als Ratschlag zur Geduld zu hören.

Nehmen wir die einfachste Größe, die ein Trader beobachtet: den Anteil der Trades mit Gewinn, also die Trefferquote. Nehmen wir an, dass aufeinanderfolgende Trades unabhängig sind und die wahre Trefferquote konstant bleibt. Beide Annahmen sind in der Praxis verletzt; darauf komme ich unten zurück. Unter ihnen ist die Rechnung jedoch am optimistischsten, sodass die Schlussfolgerungen umso stärker wiegen.

Der Standardfehler der beobachteten Trefferquote beträgt:

SE = √( p × (1 − p) / n )

Bei einer wahren Trefferquote von 50% liefert die Normalapproximation folgende Bereiche, die ungefähr 95% der beobachteten Anteile abdecken. Sie sind gerundet; ein tatsächlicher Anteil in einer endlichen Stichprobe nimmt diskrete Werte an:

Anzahl der TradesStandardfehlerUngefährer Trefferquotenbereich (etwa 95%)
2011,2 Prozentpunktevon 28% bis 72%
507,1 Prozentpunktevon 36% bis 64%
1005,0 Prozentpunktevon 40% bis 60%
2003,5 Prozentpunktevon 43% bis 57%
4002,5 Prozentpunktevon 45% bis 55%
10001,6 Prozentpunktevon 47% bis 53%

Die Tabelle ist einfach zu lesen. Regeln mit einer wahren Trefferquote von 50% können nach zwanzig Trades einen Wert im weiten ungefähren Bereich von 28–72% ergeben; mögliche Werte sind Vielfache von 5 Prozentpunkten. Nach hundert Trades liegen sowohl 41% als auch 59% noch im normalen Bereich — und genau dort entscheidet ein Trader gewöhnlich, etwas zu ändern.

Verteilung der beobachteten Trefferquote bei drei Stichprobengrößen Drei Dichtekurven mit gemeinsamen Achsen. Die horizontale Achse zeigt die beobachtete Trefferquote der Stichprobe von zwanzig bis neunzig Prozent, die vertikale die Dichte ohne Skala. Zwei vertikale gestrichelte Linien liegen bei fünfzig und bei fünfundfünfzig Prozent, wo die wahre Trefferquote liegt. Alle drei Kurven haben ihren Gipfel an derselben Stelle, genau bei fünfundfünfzig Prozent; sie unterscheiden sich nur in Breite und Höhe. Die gestrichelte Kurve für zwanzig Trades ist am niedrigsten und breitesten, reicht ungefähr von zweiundzwanzig bis achtundachtzig Prozent und hat ihren Gipfel knapp über der horizontalen Achse. Die Kurve für hundert Trades ist deutlich schmaler und höher und reicht ungefähr von fünfunddreißig bis fünfundsiebzig Prozent. Die Kurve für fünfhundert Trades ist am schmalsten und höchsten und liegt ungefähr zwischen vierundvierzig und sechsundsechzig Prozent. Je größer die Stichprobe, desto höher der Gipfel und desto geringer die Streuung. Trefferquoten in Stichproben bei einer wahren Quote von 55% Beobachtete Trefferquote in der Stichprobe Dichte 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 50% wahre Trefferquote 55% n = 20 n = 100 n = 500
Verteilung der beobachteten Trefferquote bei einer wahren Trefferquote von 55% für drei Stichprobengrößen. Bei zwanzig Trades sind Werte unter 50% häufig, obwohl die Regeln besser als ein Münzwurf sind. Die Kurven zeigen die Dichte unter der Normalapproximation: Je breiter die Streuung, desto niedriger der Gipfel. Die Achsen sind anhand des Standardfehlers eines Anteils kalibriert.

Die praktische Frage lautet jedoch anders: Wie viele Trades sind nötig, um eine Trefferquote von 55% von einer von 50% zu unterscheiden? Für einen Test eines einzelnen Anteils bei einem Signifikanzniveau von 0,05 und einer Teststärke von 80% sind es ungefähr 620 Trades in der einseitigen Variante und ungefähr 780 in der zweiseitigen. Zur Kontrolle durch Simulation eines einseitigen Anteilstests unter Normalapproximation (α = 0,05), damit nicht nur die Formel als Argument dient: Bei 200.000 simulierten Tradereihen mit wahrer Trefferquote 55% (Seed 20260810) wird der Unterschied bei 100 Trades in 24% der Durchläufe erkannt, bei 400 in 64% und bei 800 in 88%.

Was diese Rechnung nicht aussagt. Sie sagt nicht, dass sechshundert Trades Gewissheit bringen oder eine kleinere Stichprobe keinerlei Evidenz liefern kann. Die Stichprobengröße beschreibt eine bestimmte Teststärke für einen bestimmten Unterschied; sie ist keine allgemeingültige Wissensschwelle. Ebenso wenig sagt sie etwas über Rentabilität aus, denn die Trefferquote allein bestimmt diese nicht: Regeln, die drei von vier Trades gewinnen, können einen negativen Erwartungswert haben, wenn der durchschnittliche Gewinn hinreichend kleiner als der durchschnittliche Verlust ist. Diese Rechnung gehört zu Artikel 8.2. Schließlich ist eine konstante Trefferquote eine rechnerisch bequeme Fiktion. Marktbedingungen ändern sich schneller, als sechshundert Beobachtungen gesammelt werden können; eine statistisch ausreichende Stichprobe kann deshalb bereits eine andere Periode beschreiben. Das spricht dafür, die Ausführung häufiger als die Regeln zu beurteilen, nicht dafür, die Regeln schneller zu beurteilen.

Hier lohnt sich ein Rückgriff auf die Rechnung aus Artikel 10.1: Bei einer Trefferquote von 50% beträgt die Wahrscheinlichkeit für fünf Verluste in einer zuvor festgelegten Tradesequenz (0,5)⁵, also etwa 3%. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Serie irgendwo innerhalb von 100 unabhängigen Trades auftritt, beträgt dagegen etwa 81%. Eine Verlustserie allein belegt somit kein Versagen — sie kann auch bei unveränderten Regeln vorkommen.

Eine hilfreiche Analogie: Ein Versicherungsmathematiker ändert den Tarif nicht nach einer einzelnen großen Auszahlung. Er ändert ihn, wenn die Schadenquote im gesamten Versicherungsbestand von der Annahme abweicht. Er ist nicht mutiger als der Trader — er hat schlicht vom ersten Tag an eine ausreichend große Stichprobe. Der Trader hat nach einem Monat etwa ein Dutzend Beobachtungen und denselben Drang, eine Schlussfolgerung zu ziehen.

Exakte Verteilung eines illustrativen Modells aus zwanzig unabhängigen Trades mit jeweils +1R oder −1R und einer Trefferquote von 55%. Die mittlere Summe beträgt +2R; eine negative Summe tritt mit etwa 24,9% Wahrscheinlichkeit auf. Die Annahmen beschreiben kein reales System.
Eine illustrative exakte Verteilung für zwanzig Ergebnisse von ±1R bei einer Trefferquote von 55%. Ein Mittelwert von +2R geht mit etwa 24,9% Verlustwahrscheinlichkeit einher; die Annahmen sind kein Nachweis für den Vorteil einer realen Regel.

8. Zwei Schleifen: Ausführung und Regeln beurteilen

Ausführung und Regelwerk benötigen getrennte Nachbesprechungen mit unterschiedlichen Kriterien, Häufigkeiten und Stichprobengrößen. Werden sie verwechselt, können Einstellungen nach wenigen Verlusten geändert werden, ohne zu prüfen, ob sich die Grundlage der Regel verändert hat. Die Unterscheidung ordnet die Analyse, löst aber nicht automatisch jedes Ausführungs- oder Strategieproblem.

Die beiden Bewertungsschleifen nebeneinander Zwei gleich große Rechtecke nebeneinander, ohne Pfeile oder Verbindungen. Jedes hat eine Überschrift und sechs Beschreibungszeilen in derselben Reihenfolge. Das linke Rechteck auf hellblauem Hintergrund ist die Ausführungsschleife: Es fragt, ob der Trader getan hat, was er notierte, läuft wöchentlich, arbeitet mit wenigen bis etwa einem Dutzend Entscheidungen, bewertet Konformität statt Ergebnis, benötigt keine Ergebniskenntnis und nennt zuletzt diesen Artikel zusammen mit dem Journalartikel als zuständig. Das rechte Rechteck auf hellviolettem Hintergrund ist die Regelschleife: Es fragt, ob das Regelwerk sinnvoll ist, läuft selten, alle paar Monate, verlangt Hunderte Trades, verwendet ein statistisches Kriterium, benötigt Ergebnisreihen und nennt zuletzt Abschnitt acht als zuständig. AUSFÜHRUNGSSCHLEIFE Was: Habe ich getan, was ich notiert habe? Wann: jede Woche Basis: wenige bis zwölf Entscheidungen Kriterium: Konformität, nicht Ergebnis Ergebnis erforderlich: nein Zuständig: dieser Artikel und 10.8 REGELSCHLEIFE Was: Ist das Regelwerk sinnvoll? Wann: selten, im Abstand mehrerer Monate Material: Hunderte Trades Kriterium: statistisch Ergebnis erforderlich: ja, als Reihe Zuständig: Abschnitt 8
Die beiden Bewertungsschleifen unterscheiden sich in Häufigkeit, Material und Kriterium. Die Frage „Soll ich die Regeln ändern?“ hat im Takt der Ausführungsschleife keine Aussicht auf eine sinnvolle Antwort.

Die Ausführungsschleife läuft wöchentlich und braucht keine Ergebnisse: Sie prüfen darin die fünf Kriterien aus Unterabschnitt 6 und zählen die Entscheidungen mit fünfmal „ja“. Die Regelschleife arbeitet mit Hunderten Trades, verlangt eine Ergebnisreihe und Statistik. Ihre Werkzeuge — Vorteilsbewertung, historische Tests und Simulation — gehören zu Abschnitt 8. Die zweite Schleife lässt sich durch Disziplin nicht beschleunigen, ebenso wenig wie sich ein fehlender Vorteil durch bessere Ausführung beheben lässt.

Getrennte Nachbesprechungen bedeuten nicht, bei neuen Informationen stets auf eine große Stichprobe zu warten. Das folgende Gegenbeispiel zeigt die Grenze dieses Grundsatzes.

Wenn das Ergebnis viel über den Prozess aussagt. Angenommen, bei aufeinanderfolgenden Trades weichen das geplante und das tatsächlich realisierte Ausstiegsniveau systematisch in dieselbe Richtung voneinander ab — die Ausstiege fallen schlechter aus, unabhängig von Instrument, Handelsrichtung und Tageszeit. Das ist keine Varianz, und daraus zu schließen ist keine Ergebnisverzerrung: Sie beurteilen kein einzelnes Ergebnis, sondern eine wiederholbare Differenz zwischen Plan und Ausführung. Das Ergebnis dient hier als Ausführungsmessung. Mindestens zwei mögliche Ursachen müssen vor jeder Änderung getrennt werden: eigenes Verhalten wie das Verschieben von Orders oder Schließen vor dem Niveau sowie Ausführungsbedingungen, also Slippage und Spreadausweitungen. Ersteres erkennen Sie anhand der zweiten Aufzeichnungsschicht, Letzteres anhand der Orderhistorie. Werkzeuge zur Messung von Kursausschlägen während einer offenen Position, darunter MFE und MAE, beschreibt der Praxisteil in Abschnitt 15; die Beurteilung der Ausführungsbedingungen eines Brokers behandelt Abschnitt 12. Woran Sie eine verfrühte Schlussfolgerung erkennen: Verschwindet die Abweichung, sobald die Beobachtungen nach Tageszeit oder Instrument aufgeteilt werden, lag kein Ausführungsmuster vor, sondern der Effekt eines einzelnen Zeitfensters.

Trennen Sie zwei Fragen: „Wie war das finanzielle Ergebnis?“ und „Habe ich den Plan anhand der vereinbarten Kriterien ausgeführt?“ Plan und Einstiegsbedingungen lassen sich vor der Positionseröffnung beurteilen. Die vollständige Ausführung einschließlich späterer Änderungen und Ausstieg lässt sich erst nach diesen Handlungen bewerten, indem die frühere Aufzeichnung mit der Orderhistorie verglichen wird, ohne Gewinn oder Verlust als Konformitätskriterium zu verwenden. Eine gesonderte Prüfung einer längeren Reihe beurteilt die wirtschaftliche Grundlage der Regel.

Dieselbe Unterscheidung wird wesentlich schwieriger, sobald aufeinanderfolgende Entscheidungen nicht mehr auf den Markt, sondern auf den vorherigen Verlust reagieren. Davon handelt der Artikel über Rache-Trading und Tilt (10.5): welche beobachtbaren Verhaltensänderungen eintreten, bevor die Sequenz zu weit geht.

Illustrativer EUR/USD-Long-Trade: Einstieg 1,1000, Tief 1,0990, Hoch 1,1020, Ausstieg 1,1005. MFE beträgt 20 Pips, MAE 10 Pips und das Ergebnis vor Kosten 5 Pips.
Ein ausdrücklich hypothetischer Kursverlauf eines Trades unterscheidet MFE, MAE und Ergebnis. Diese Größen allein bewerten weder die Plankonformität noch eine psychologische Ursache der Entscheidung.

FAQ — Handelsergebnis und Entscheidungsqualität

Kann ich meine Regeln nach zwanzig Trades beurteilen?
Zwanzig Trades können ein Ausführungsproblem sichtbar machen oder Informationen für eine Nachbesprechung liefern, ergeben aber gewöhnlich eine ungenaue Schätzung der Trefferquote. In einem Modell unabhängiger Versuche mit wahrer Trefferquote 50% liegt die Streuung unter Normalapproximation bei etwa 28–72%, mit Werten in Schritten von 5 Prozentpunkten und einem Standardfehler von 11,2 Prozentpunkten. Wenige Entscheidungen lassen sich gesondert mit dem schriftlichen Plan abgleichen. Die Regelbewertung anhand einer Ergebnisreihe erfordert eine angemessene Stichprobe und Annahmen; neue relevante Informationen können eine frühere Prüfung rechtfertigen.
Worin unterscheiden sich Ergebnisverzerrung und Rückschaufehler?
Ergebnisverzerrung betrifft die Entscheidungsbewertung: Dieselbe Entscheidung kann besser bewertet werden, wenn sie gut ausging. Der Rückschaufehler betrifft die wahrgenommene Vorhersehbarkeit oder die Erinnerung an eine frühere Überzeugung: Ist der Ausgang bekannt, wirkt er vorhersehbarer oder mit der früheren Prognose vereinbar. Erstere verändert das Bewertungskriterium, Letzterer die Darstellung des vorherigen Wissens. Beide können gemeinsam auftreten und sich verstärken, müssen aber nicht bei jedem Bewertungsfehler gleichzeitig vorliegen.
Ich habe durch einen eigenen Regelverstoß Geld verdient. Wie gehe ich damit um?
Halten Sie Regelverstoß und Gewinn getrennt fest. Der Gewinn ist eine buchhalterische Tatsache; der Verstoß bleibt selbst bei günstigem Ergebnis eine Tatsache der Ausführung. Prüfen Sie ihn anhand vorheriger Kriterien mit Plan und Orderhistorie. Das finanzielle Ergebnis allein macht ihn nicht erkennbar. Steigt nach mehreren solchen Ereignissen die Verstoßhäufigkeit, überprüfen Sie das Verfahren; das belegt nicht automatisch, dass die früheren Gewinne die Veränderung verursacht haben.
Ich bewerte meinen Prozess selbst. Ist das nicht nutzlos?
Ihre Bewertung kann sich auf Selbstauskunft und Orderhistorie stützen; diese Quellen haben unterschiedliche Grenzen. Definieren Sie anhand von Daten prüfbare Kriterien: Wurden die Niveaus vor dem Einstieg platziert, wurden sie wann verändert, wann fiel die Entscheidung und gibt es einen früheren Eintrag? Dafür ist keine Gefühlsskala nötig. Die Vollständigkeit kann ein Schwachpunkt sein: Ein fehlender Verstoßeintrag belegt nicht, dass kein Verstoß stattfand. Vergleichen Sie die Eintragszahl mit der Positionszahl und bewahren Sie den Status nicht aufklärbarer Ereignisse.
Bedeutet das, dass das Ergebnis irrelevant ist?
Das Ergebnis enthält Informationen, kann aber allein die Qualität einer einzelnen Entscheidung nicht belegen. Eine Ergebnisreihe hilft unter festgelegten Annahmen bei der Regelbewertung. Ausführungsdaten beantworten eine andere Frage: Die Lücke zwischen geplantem und realisiertem Niveau lässt sich messen und über Orders hinweg auf eine einheitliche Richtung prüfen. Auch diese Messung verlangt Aufmerksamkeit für Unsicherheit und Ausführungsbedingungen. Verwerfen Sie das Ergebnis weder, noch machen Sie es zum einzigen Kriterium.
Ich handle schnell und habe vor dem Einstieg keine Zeit zum Schreiben.
Passen Sie die Aufzeichnung dem Arbeitstempo an und bewahren Sie dabei die Informationen vor der Entscheidung. Drei Felder — Einstiegsbedingung, angegebene Sicherheit von 1 bis 10 und geplantes Ausstiegsniveau — veranschaulichen ein kürzeres Formular, garantieren aber keine vollständige Bewertung jeder Regel. Die Ausfüllzeit hängt von Werkzeug und Methode ab. Sie können den Bedingungskatalog vorbereiten oder die Aufzeichnung automatisieren. Verzögert das Formular eine Entscheidung, prüfen Sie Gestaltung und Ausfüllzeitpunkt; die Schwierigkeit allein belegt keine Impulsivität. Artikel 10.7 behandelt die Gestaltung solcher Vorkehrungen.

Quellen und Literatur

  1. Baron J., Hershey J.C., „Outcome bias in decision evaluation“, Journal of Personality and Social Psychology, 54(4), 1988, S. 569–579. Die Bewertung derselben Entscheidung ändert sich mit ihrem Ergebnis; medizinische und Glücksspiel-Szenarien, hypothetische Einsätze.
  2. Fischhoff B., „Hindsight ≠ foresight: The effect of outcome knowledge on judgment under uncertainty“, Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 1(3), 1975, S. 288–299. Ergebniskenntnis erhöht die rückblickende Schätzung seiner Wahrscheinlichkeit. Experiment 1 nutzte vier Studierendenstichproben (100, 80, 87 und 100 Teilnehmende); manche bewerteten mehrere Ereignisse. Vollständiger Originaltext, S. 289–290.
  3. Guilbault R.L., Bryant F.B., Brockway J.H., Posavac E.J., „A meta-analysis of research on hindsight bias“, Basic and Applied Social Psychology, 26(2–3), 2004, S. 103–117. Metaanalyse von mehr als neunzig Studien; der Effekt ist bestätigt, seine durchschnittliche Größe klein.
  4. Tversky A., Kahneman D., „Belief in the law of small numbers“, Psychological Bulletin, 76(2), 1971, S. 105–110. Systematische Überschätzung dessen, was sich aus einer kleinen Stichprobe ableiten lässt.
  5. Mezulis A.H., Abramson L.Y., Hyde J.S., Hankin B.L., „Is there a universal positivity bias in attributions?“, Psychological Bulletin, 130(5), 2004, S. 711–747. Metaanalyse von 266 Studien zur asymmetrischen Zuschreibung von Ursachen bei Erfolgen und Misserfolgen.
  6. Miller D.T., Ross M., „Self-serving biases in the attribution of causality: Fact or fiction?“, Psychological Bulletin, 82(2), 1975, S. 213–225. Kritik an der motivationalen Erklärung asymmetrischer Ursachenzuschreibung.
  7. Duke A., Thinking in Bets, Portfolio/Penguin, 2018. Quelle des Begriffs „Resulting“ — Praxisliteratur, keine Forschung.

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Jarosław Wasiński

Chefredakteur, ForexMechanics.com • Makro- und FX-Analyst

Unabhaengiger Analyst und Finanzmarkt-Experte mit ueber 20 Jahren Erfahrung an den Finanzmaerkten. Aktiv im Forex-Handel seit 2004, mit Schwerpunkt auf Fundamentalanalyse, der Struktur des OTC-Marktes und disziplinierter Risikosteuerung des Handelskapitals.

  • Gruender und Chefredakteur von MyBank.pl, der seit 2004 verlaessliche Finanzbildung anbietet.
  • Autor hunderter tiefgehender Marktkommentare, struktureller Analysen und Bildungsmaterialien fuer Trader und Investoren.
  • Verfechter der Markttransparenz. Er foerdert eine Ausbildung, die auf belastbaren Daten und institutionellen Berichten (BIS, ESMA, CFTC) basiert.

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